ICM ist kein Zauberspruch und auch nicht gleichbedeutend mit „tight ist immer richtig“. Im Jahr 2026 kennen die meisten Regulars die Grundidee: Chips sind nicht gleich viel wert, sobald die Auszahlungsstufen relevant werden. Der echte Vorteil entsteht, wenn man dieses Prinzip in echten Turniersituationen sauber anwendet – mit unterschiedlichen Stackgrößen, Antes, Re-Entry-Feldern und Gegnern, die an der Bubble emotional reagieren oder am Final Table einfrieren. Dieser Artikel zeigt die häufigsten Fehler, die ich sehe, und vor allem, wie du sie mit praktischen Checks korrigierst, die du direkt während des Spiels nutzen kannst.
ICM übersetzt deinen Turnierstack in einen Anteil am verbleibenden Preispool – unter der Annahme, dass ab jetzt alle gleich gut sind und perfekt spielen. Diese Annahme ist nie vollständig realistisch, trotzdem ist das Modell nützlich, weil es einen Kernfakt erfasst: Wenn du deinen Stack verlierst, verlierst du jede Chance auf einen Cash; gewonnene Chips erhöhen deine Cash-Wahrscheinlichkeit dagegen nicht linear. Genau deshalb können „Chip-EV“-Entscheidungen kurz vor dem Geld plötzlich teuer werden.
Der größte mentale Wechsel ist das Verständnis der Risk Premium. Nahe der Bubble brauchst du häufig mehr Equity, um einen All-in-Call zu rechtfertigen, als in Cash Games oder in frühen Levels – weil der Nachteil (Bustout) stärker bepreist wird als der Vorteil (mehr Chips). Risk Premium ist nicht für alle Stacks gleich: Short Stacks können dünnere Gambles eingehen, Big Stacks können Druck ausüben, und Medium Stacks zahlen oft den höchsten Preis für Fehler.
Was ICM nicht ersetzt: Position, Dynamik am Tisch und die Frage, wer überhaupt in der Lage ist, Druck korrekt auszuüben. ICM bedeutet nicht automatisch „alles folden“. Wenn ein Tisch überfoldet, weil alle nur den Min-Cash sichern wollen, kann Aggression mehr wert sein als sonst – besonders mit Antes und Big-Blind-Druck. Entscheidend ist, die richtigen Targets zu wählen und mit deinem Stack passende Sizings zu nutzen.
Dieser Mythos zerstört mehr Turniere als Bad Beats. Wenn du als Medium Stack jede knappe Situation meidest, kommst du oft ins Geld mit einem Stack, der niemanden bedrohen kann. Es fühlt sich „sicher“ an, aber du hast deine Möglichkeit verschenkt, bedeutende Pots ohne Showdown zu gewinnen. In modernen MTT-Strukturen warten Blinds und Antes nicht darauf, dass du fertig geladdert hast.
Ein besserer Ansatz ist, „Calling Risk“ und „Attacking Risk“ getrennt zu betrachten. Das größte ICM-Risiko entsteht meist beim Callen gegen einen Stack, der dich covert. Steals, kleine 3-Bets und Opens mit Händen, die postflop solide spielen, tragen oft weniger Turnier-Risiko – und erhöhen trotzdem deinen Stack. Wenn die Gegner sichtbar „coasten“, solltest du das Dead Money einsammeln – mit einem disziplinierten Plan.
Praktischer In-Game-Check: Wenn du einen All-in-Call erwägst, frage dich: „Wenn ich folde, habe ich im nächsten Orbit noch einen spielbaren Stack?“ Wenn ja, muss dein Call stark sein. Wenn nein (du wirst bald selbst zum Push gezwungen), sinkt deine Schwelle. Diese eine Frage verhindert viele „Bubble-Tilt“-Punts.
Short Stacks (ungefähr 5–12 Big Blinds) machen häufig den gegenteiligen Fehler: Sie warten zu lange. Sie lassen profitable Shoves aus, weil sie hoffen, dass zwei andere Spieler vorher busten. Manchmal klappt das – aber in großen Feldern 2026 mit viel Late-Registration-Überhang dauert die Bubble oft länger als erwartet. Jede Runde verlierst du Fold Equity, und sobald du auf wenige Blinds gefallen bist, kannst du keinen Druck mehr ausüben – du kannst nur noch hoffen.
Medium Stacks (etwa 13–30 Big Blinds) sind die klassischen Bubble-Opfer. Sie können öffnen und stealen, aber sie hassen es, um den Stack zu callen. Viele reagieren dann, indem sie alles anziehen – inklusive ihrer Steals – und bluten so in die Gefahrenzone. Die Lösung ist unbequem, aber klar: Öffne genug Hände, um deinen Stack gesund zu halten, aber vermeide Calls um dein Turnierleben gegen Stacks, die dich covern, sofern du nicht wirklich am oberen Ende deiner Range bist.
Big Stacks (30+ Big Blinds) missverstehen ihren Vorteil oft. Entweder sie bullyen gedankenlos und laufen in Traps, oder sie bekommen Angst, „die Führung zu verlieren“, und lassen leichte Steals liegen. Der korrekte Big-Stack-Edge ist selektiver Druck: Greife Spieler an, die nicht breit callen können (häufig Medium Stacks), isoliere Short Stacks mit Händen, die deren Shove-Range gut dominieren, und vermeide Ego-Kämpfe gegen die wenigen Stacks, die dich wirklich gefährden.
An der Bubble sind Pot Odds allein eine Falle. Wenn du im Big Blind ein All-in callst, investierst du nicht nur Chips – du investierst Turnierleben. Selbst wenn der Preis gut aussieht, muss deine Calling Range meist tighter sein als deine Shoving Range, besonders wenn der Raiser dich covert oder wenn hinter dir mehrere Stacks existieren, die noch vor dir busten können.
Typisches Beispiel: Du defendest ein marginales Ass oder einen schwachen suited König gegen einen Short-Stack-Jam, weil es „nur ein paar Blinds mehr“ sind. Wenn du verlierst, bist du raus. Wenn du gewinnst, bist du oft trotzdem kein Monster-Stack – du bist nur von „komfortabel“ zu „komfortabel plus“ gerutscht. Das ist die klassische ICM-Asymmetrie: Der Nachteil ist schärfer als der Vorteil.
Fix: Baue dir eine Default-Regel für „Bubble Call Discipline“. Wenn du gecovert bist, sollte deine Calling Range eher aus Händen bestehen, die weniger dominiert sind und gegen tighte Jam-Ranges gut performen – starke Paare, starke Asse und Broadways, die nicht leicht crushed werden. Wenn du coverst, kannst du breiter callen, aber vermeide es trotzdem, die Bubble ohne klaren Plan in ein Coinflip-Festival zu verwandeln.

Am Final Table wird ICM spürbar, weil die Pay Jumps groß sind und jeder sie fühlt. Die größten Fehler bleiben jedoch die gleichen zwei Kategorien: Spieler callen zu leicht, wenn sie gecovert sind, und Spieler lassen profitable Aggression liegen, obwohl sie Leverage hätten. 2026 – mit tieferen Strukturen in vielen Live-Serien und schnelleren späten Phasen online – wechseln die besten Spieler konstant die Gänge, statt in „Tight Mode“ zu erstarren.
Am Final Table zählt die Stack-Verteilung oft mehr als der Durchschnittsstack. Wenn zwei Micro Stacks gleich die Blinds treffen, haben Medium Stacks einen zusätzlichen Grund, All-in-Calls zu vermeiden, die sie vor diesen Shorties busten lassen könnten. Big Stacks können das ausnutzen, indem sie Buttons und Cut-offs häufiger öffnen, 3-Bet-Druck setzen und Gegner zu unangenehmen Risk Premiums zwingen.
Ein weiterer unterschätzter Punkt ist postflop Disziplin. Viele glauben, ICM sei nur ein Preflop-Thema. In Wirklichkeit entstehen die größten Equity-Verluste oft dadurch, dass Spieler Pots mit Händen aufblasen, die Druck nicht aushalten, und sich dann „priced in“ fühlen. Final-Table-Pots sollten mit einem Plan aufgebaut werden: Was passiert, wenn du ein Shove, ein Check-Raise oder ein Turn-Barrel bekommst, das Stacks bindet?
Der teuerste Final-Table-Punt ist der Medium Stack, der eine High-Variance-Line gegen den einzigen Stack nimmt, der ihn covert. Das passiert häufig mit Händen, die gut aussehen – Ass-Bube, König-Dame, mittlere Paare – wenn der Spieler „ein Zeichen setzen“ will. Wenn du gecovert bist, solltest du meist gerade dünne Stack-off-Spots meiden, weil dein Bustout mehrere Pay Jumps kosten kann.
Laddering an sich ist nicht falsch; gedankenloses Laddering ist es. Wenn du jede Situation meidest und nur darauf wartest, dass jemand anders bustet, gibst du den Big Stacks eine Lizenz zum Stealen. Das richtige Laddering ist gezielt: Meide marginale Calls, die dein Turnierleben riskieren, wenn andere Stacks sehr wahrscheinlich bald busten – aber kämpfe weiter um Blinds und Antes, damit dein Stack nicht kollabiert. Du balancierst Survival-Equity und Growth-Equity, statt nur eines zu wählen.
Auch Deal-Talk braucht Realismus. Ein ICM-Chop kann sinnvoll sein, wenn Skill-Edges klein sind, Stacks flach werden oder die Pay Jumps extrem sind. Aber behandle einen Deal nicht als moralischen Sieg oder als Scheitern. Behandle ihn wie eine Entscheidung: Vergleiche die angebotenen Zahlen mit dem Wert deiner Position nach einem ICM-Modell und passe dann für Skill-Edge, Struktur und Müdigkeit an. Wenn du müde bist und schlechter spielst, gehört das zur realen Rechnung.